WARUM SCHREIBEN ?

 

Warum wir schreiben? Weil wir müssen!

 Es drängt uns dazu, Gefühle, Regungen und Empfindungen auszudrücken, sie weiterzugeben, sie sichtbar zu machen. Es ist der Drang, was in uns ist, arbeitet und gärt, in Worte zu fassen, auszudrücken, um es begreifbar zu machen – für uns und andere.

 Wir kreieren dichterische Bilder, bauen Brücken, die vielleicht ins Nirgendwo gehen, vielleicht aber zum Darüber-gehen einladen.

 Wir formulieren Fragen und suchen Antworten für uns und andere und manchmal, finden wir sie auch.

 Der Maler erlebt seine Welt in Farben, der Komponist in Tönen, der Bildhauer in der Form. Wir leben in und aus dem Wort. In diesem Wort erobern wir uns die Welt, erleben wir sie. Wir verstricken uns in ihren Netzen (nachzulesen bei Heimito von Doderer) und suchen Auswege. Wir wollen unsere Welt mit anderen teilen, kommunizieren mit der ganzen Welt, zumindest aber mit der größtmöglich erreichbaren Zahl von Menschen.

 Schreiben ist Verpflichtung, Wunsch und Erfüllung zugleich.

 Bei Heimito von Doderer finden wir auch das Beispiel des Bogenschützen: wenn er den Bogen spannt, ist die ganze Welt in seinem Bogen enthalten. Wenn wir schreiben, ist die ganze Welt in einem Stift, einem Blatt Papier. Unsere Welt.

 Wie jeder schöpferische Akt hat auch Schreiben etwas Einsames. Allein-sein mit Gedanken und Gefühlen, nicht nur allein, sondern all-eins.

 Oft gilt es, ein Chaos zu ordnen, indem wir Lettern aneinander fügen, wie in jeder Art von Kunst in möglichst großer Freiheit die Form zu wahren. Der Künstler ordnet (auch). Er lebt in Schwere und Leichtigkeit, Offenheit, Ambition, Geduld, Beharr- lichkeit und Visionen …

 Schreiben bedeutet Genius und Arbeit am Wort, Sehnsucht, Leidenschaft, Einsamkeit, bewusstes Sehen, Lust, Erkennen – im Wissen unvollendet zu sein und es zu bleiben.

 In einer Zeit, da ästhetische Aspekte scheinbar eher im Hintergrund stehen, das Wort Schönheit beinahe zum Schimpfwort geworden ist, Gefühle als peinlich empfunden werden und das Wort sentimental eher negativ verstanden wird, greifen Schreibende diese Werte wieder auf.

 Bei Josef Brodsky, dem russischen Dichter, lesen wir: ‚…in der Ethik ist gerade deshalb nicht alles erlaubt, weil in der Ästhetik nicht alles erlaubt ist.‘ Wir sollten jetzt, da alles ‚machbar‘ zu sein scheint, darüber nachdenken und über Brodskys Credo: DAS ZIEL DER EVOLUTION IST SCHÖNHEIT…

 

Zurück zur Frage – warum wir schreiben …

 Ich schreibe, weil es mich drängt, mich dichterisch auszudrücken.

 Im Film ‚Der Club der toten Dichter‘ fällt der Satz: Schönheit, Poesie, Romantik, Liebe sind die Freuden unseres Lebens. Das gilt wohl für alle schöpferisch Tätigen, auch für Schreibende – darum schreiben wir!

 

 

 

NONDUM 

 

Die Türe war eben zugefallen und der nette junge Mann, der die letzten Möbel weggebracht hatte, war gegangen, Er würde am Nachmittag wiederkommen, um ihr wieder - noch einmal - zu helfen. Ein letztes Mal. Dann würden alle Brücken abgebrochen sein, die Wohnung geräumt und sie würde einem neuen Anfang entgegengehen. Noch einmal! Jetzt saß sie bequem in ihrem alten Lehnstuhl. Auch ihn würde der freundliche junge Mann wegbringen. Zum Flohmarkt vielleicht, wenn er sich noch etwas Geld davon versprach oder zum Sperrmüll. Ob er ihn behalten würde ? Sie stellte sich vor, wie er darin sitzen und an sie denken würde, für eine kleine Weile. Vielleicht würden ihn aber am Flohmarkt auch junge Leute finden, die ihn herrichten und einige Zeit gebrauchen würden. Ihr konnte es gleichgültig sein. Sie wickelte sich in ihren langen, warmen Schal, denn es fröstelte sie ein wenig in der leeren, kalten Wohnung. So lehnte sie sich also zurück und dachte nach ...

 

... wie schön es gewesen war, als sie - damals noch ein kleines Mädchen - geglaubt hatte, der Wolkenhimmel wäre der Ort, wo die Engel nur darauf warteten, um uns zu beschützen. Stundenlang hatte sie damals fast regungslos zum Himmel sehen können, immer darauf hoffend, doch einmal einen kleinen Engel zu sehen oder zumindest ein Stückchen von ihm . Engel hatte sie sich immer so vorgestellt, wie sie auf dem Bild im Zimmer der Großeltern abgebildet waren; lieblich, rund und zuckersüß. Irgendwo da oben, so hatte sie damals gemeint, müßte es doch sein, dieses Himmlische, Wunderbare, von dem sie schon oft gehört hatte und von dem manche Menschen gesagt hatten, es würde nicht existieren. Wenn schon keinen Engel, so wollte sie doch etwas sehen, was sie als Zeichen nehmen konnte, das ihr helfen würde mit dem, was man Religion nannte aber auch mit anderen Erlebnissen und Ereignissen und Unverständlichen, das sich um sie herum ereignete, fertig zu werden und es zu verstehen. Sie hatte bald gemerkt, daß dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen konnte. Den Grund dafür hatte sie aber erst viel, viel später verstehen können. Sie hatte immer gehofft, es würde ihr doch geschehen; vielleicht eines letzten Tages. Sie lächelte daran, wenn sie daran dachte, wie oft in ihrem Leben sie sich wie im Himmel gefühlt hatte oder zumindest nahe daran.

 

Von klein auf hatte sie gewußt, daß ihr Leben anders verlaufen würde. Für sie würde es weder einen traditionellen Glauben, noch gelebte Frömmigkeit geben. Zwischen Phantasie und realem Denken - was sie damals dafür gehalten hatte, ohne es genau zu definieren - versuchte sie, ihren Weg im Leben zu finden, völlig auf sich, auf ihr Wesen, konzentriert. Egoistisch wollte sie nicht sein, aber ein gewisser Hang zur Egozentrik war ihr nicht abzusprechen. Frei wollte sie sein und fühlte doch, daß sie eine Gebundene war; gebunden etwa wie an Naturgesetze - doch das ahnte sie eher, als sie darum wußte.

 

An die Jahre als sie noch sehr klein war, konnte sie sich kaum erinnern. Einige Erlebnisse waren ihr zwar noch im Gedächtnis, aber auch da war sie nicht sicher, ob es die Erzählungen waren, an die sie sich erinnerte oder ob das eigene Gedächtnis diese Präsenz hervorrief.  

 

Sehr vage war die Erinnerung an Spaziergänge am Sonntag vormittag mit dem Vater. Sie hatte sie ebenfalls genossen, das wußte sie noch. Ebenso hatte sie es geschätzt, mit ihm alleine zu sein. Dann erschien er ihr groß und stark, während er ihr neben der Mutter klein und schwach vorgekommen war. Als sie noch klein war, hatte sie auf seinen Schultern getragen. Damals war sie sich wie auf einem Thron sitzend vorgekommen, Nichts schien ihr etwas anhaben zu können. Papa würde sie sicherlich immer beschützen. Später dann, als sie alle Namensschilder in den Straßen und Gassen lesen wollte, hatte er geduldig gewartet, bis sie manchmal recht mühsam Wort für Wort buchstabiert hatte. Noch jetzt konnte sie sich erinnern, wie sie vor einer Trafik gestanden waren und sie viele Male anstelle von Trafik das schöne Wort ‘Trifak’ gelesen hatte - immer und immer wieder. Papa war für sie immer etwas Besonderes gewesen - allerdings nicht so sehr wie Opa. Das ja nicht, aber sie erinnerte sich an viele schöne Stunden, die sie mit dem Vater verbracht hatte. Immer war etwas Geheimnisvolles um ihn gewesen, Nie hatte die Mutter alles wissen dürfen, nur sie hatte Geheimnisse mit ihm teilen dürfen. Das war ihr zwar immer etwas eigenartig erschienen, aber es hatte zu Papa gehört, schien Teil seines Wesens zu sein, von dem sie vielleicht mehr ahnte, als ihre Mutter oder andere Familienmitglieder. Er konnte wunderbare Fotos machen, konnte auch die Filme entwickeln und brachte manchmal - auch in den Augen anderer - sehr schöne Fotomontagen zustande, die in der Familie bewundert wurden.

 

Er war fast zwei Meter groß, was sie in der Kindheit sehr beeindruckt hatte. Allerdings schien er zu schrumpfen, sobald er durch die Wohnungstüre getreten war. Bei dem Gedanken daran mußte sie schmunzeln. Allerdings konnte sie sich erinnern, daß auch sie sich oftmals klein und unbedeutend vorkam, wenn sie nach Hause, zur Mutter gekommen war. Das hatte sich nicht geändert, als sie bereits erwachsen war. Mutter hatte immer eine sehr strenge, vor allem aber dominierende Rolle in ihrem Leben gespielt, bis sie sich entschlossen hatte, dieses Spiel nicht mehr mitzumachen. Das hatte aber viele Jahre gedauert und war ein wohl für beide sehr schmerzhafter Prozeß gewesen, aber daran wollte sie jetzt nicht mehr denken. Es war zu lange her und spielte längst keine Rolle mehr in ihrem Leben.

 

‚Papa’ sagte sie ganz leise und ein wenig wehmütig. Es hatte viele Jahre gedauert, bis sie wirklich Zugang zu ihm gefunden hatte. Sie hatte zu begreifen gelernt, dass alle Schwierigkeiten von außen an sie herangetragen worden waren und sie nur Beteiligte, aber nicht die Hauptpersonen gewesen waren. Das hatte ihr geholfen, einige Dinge klarer zu sehen. Sie hatte das Glück gehabt, in den letzten Monaten seines Lebens viele Missverständnisse zu klären und trotzdem wurde sie immer wieder traurig, wenn sie daran dachte, wie alleine und einsam der Vater gestorben war. Aber – sind wir nicht alle einsam in dieser Stunde?

 

wird fortgesetzt